TRAUMDEUTUNG
Seit
Menschengedenken beschäftigen sich die Menschen mit der Traumdeutung.
Dabei sind die Vorstellungen vom Sinn und Funktion des Träumens
höchst unterschiedlich. So betrachtete Homer im antiken
Griechenland den Traum als geflügeltes Wesen, das dem Träumer
göttliche Botschaften überbringt, während Aristoteles
im Traum ein erweitertes Ich sah, das ein Hineinhorchen in sich
selbst ermöglicht. Im Christentum galt der Traum teilweise
als Verführung Gottes, während in der Epoche der Aufklärung
der Traumdeutung keine Bedeutung zukam. Besondere
Beachtung erfuhr der Traum in der Epoche der Romantik. Als Gegenbewegung
zur rationalistischen Aufklärung, entdeckte die Romantik
den Traum als Ausdruck von Gefühlen und als Ausdruck einer
anderen Realität, des Unbewussten.
Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt der Wiener Nervenarzt
Sigmund Freud, durch seine Beschäftigung mit der romantischen Literatur
und den Erzählungen seiner Patienten, die Traum als
Königsweg
zum Unbewussten. Mit seinem 1900 erschienen Werk Die Traumdeutung wird
Freud Begründer der modernen Traumdeutung. Mit
diesem Werk beginnt die psychoanalytische Bewegung, die auch
für die allgemeine Geistes-
und Kulturgeschichte von großer Bedeutung ist. Im Gegensatz zu der damaligen
naturwissenschaftlichen Traumforschung, die ausschließlich physische Reize
als Ursache des Traumes sieht und zu der Auffassung der Romantiker, die im Traum
ausschließlich einen geistigen Vorgang sehen, ist für Freud der Traum
ein psychischer Vorgang, der in einem wechselseitigen Verhältnis zum Physischen
steht.
Im Gegensatz zu der vorherrschenden Meinung seiner Kollegen,
geht Freud davon aus, dass der Traum einen Sinn hat. „Er (der Traum) ist
ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung.“ (Sigmund
Freud, in: Die Traumdeutung, GWII, S.141.)
Die Vorstellung der Wunscherfüllung entstand bei der Analyse seines berühmten
Traumes von Irmas Injektion. Irma war eine junge Patientin. Die Therapie verlief
nicht sehr erfolgreich und Freud hatte Schuldgefühle, die am Vortag des
Traumes durch einen Kollegen noch verstärkt wurden. Im Traum behandelt
Freud Irma wegen einer Infektion, die sie in Folge einer falschen Behandlung
durch seinen Kollegen bekommen hatte. Seine Schuld verschiebt er im Traum auf
seinen Kollegen. Sein Wunsch, nicht Schuld an Irmas Zustand zu sein und gleichzeitig
Rache an seine Kollegen für seine Bemerkung zu üben, erfüllten
sich im Traum.
Der Traum und auch die Traumdeutung, als
Produktion des Unbewussten, erscheint als Resultat eines Konflikts
und eines Kompromisses. Er ist eine Kompromissbildung mindestens zweier sich widersprechender
Wünsche, jede aus der Quelle eines anderen Systems. Die beiden Systeme heißen
Unbewusstes und Bewusstes. Die Inhalte des Unbewussten sind Triebrepräsentanzen,
die ins Bewusstsein drängen. Es gelingt ihnen aber erst nach der Entstellung
durch die Zensur in Form von Kompromissbildungen. Der Wunsch aus dem System des
Unbewussten ist immer ein verdrängt infantiler, der dem unerfüllten,
vom Tage übriggebliebenen Wunsch zur Verstärkung dient. Dem Wunsch
des Bewusstseins ist es, peinliche, unangenehme Gefühle zu vermeiden, und
es drängt die peinlichen meist erotischen Wünsche mit Hilfe einer Art
Zensur zurück. Erst wenn die Wünsche zur Unkenntlichkeit entstellt
sind, können sie die Zensur passieren und gelangen als Traumbild ins Bewusste
bzw. ins Vorbewusste, wo sie dann einer Traumdeutung unterzogen
werden können. Ziel dieser sogenannten Traumarbeit ist es, die unbewussten
Traumgedanken so in Traumbilder zu verwandeln, dass ihr ursprünglicher Gedanke
von der Zensur nicht erkannt wird. Wie diese Traumarbeit, vor sich
geht, wird im folgenden erläutert.
Eine andere Vorstellung von Traumdeutung hatte
der Freudschüler Carl Gustav Jung. Er verstand den Traum als unmittelbare
Darstellung der inneren Wirklichkeit des Träumenden. Dabei spielen vor allem
kollektive Symbole eine Rolle. Jung prägte den Begriff des kollektiven Unbewussten.
Das kollektive Unbewusste ist ein für alle Menschen gleicher Symbolschatz.
Er ist dem Menschen zum Teil angeboren, zum Teil kulturell geprägt. Diese
archetypischen Symbole hat Jung in einem Katalog zusammengestellt, indem den
Symbolen eine tendenziell feste Bedeutung zugeordnet wurde für die Traumdeutung herangezogen
werden konnte. Für Freud waren hingegen die freien Assoziationen seiner
Patienten von Bedeutung. Erst mit ihrer Hilfe fand er den Schlüssel zum
Unbewussten, wobei Freud den Begriff des kollektiven Unbewussten nicht ablehnte.
Erfahrene Berater der Traumdeutung beziehen
immer beides, kollektive Symbolik und individuelle Assoziation
bei der Traumdeutung mit
ein. Unsere Träume sind mehr als nur Nervenreizungen, sie sind immer noch
der Königsweg zu unseren latenten Befindlichkeiten und unseren unbewussten
Wünschen. Und manchmal zeigen uns die Träume auch die Zukunft, was
kommen wird oder was kommen könnte.
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